Verdrängung wird praktisch? Neues in der Diskussion um das Archiv

Unter der Überschrift „Liberale Kehrtwende in Sachen „Archiv“- FDP gegen den eigenen Beschlusstext“ erschien am Dienstag (17.11.09) ein Artikel in der Märkischen Allgemeinen Zeitung, in dem der Lokalpolitiker der FDP, Björn Teuteberg folgendermaßen zitiert wurde: Erstens „Unsere Fraktion ist ausdrücklich für eine Fortsetzung des ,Archivs’“. Zweitens „Wir glauben aber, dass es zweitrangig ist, an welcher Stelle diese Arbeit fortgeführt wird.“ und zu guter Letzt mit folgendem Satz „Man müsse abwarten, ob der Standort auch künftig „so sinnvoll ist für das Archiv“ oder mit Blick auf die benachbarte Speicherstadt „ob es dann nicht besser ist, einen besseren Standort zu finden“.
Im Oktober noch legte die FDP der Stadtverordnetenversammlung einen Antrag vor mit folgendem Text: „Der Oberbürgermeister wird beauftragt, für die dringend notwendigen betriebssichernden Baumaßnahmen für das durch den Archiv e.V. genutzte Areal am Standort Leipziger Straße 60 einen Finanzierungsplan vorzulegen. … Dabei ist der Standort für eine langfristige Jugend- und Kulturarbeit zu sichern.“ Der Antrag wurde von der Stadtverordnetenversammlung angenommen und beschloßen.
Um zu verstehen, welche Beweggründe hinter dem „zurück rudern“ der FDP stecken könnten, scheint es sinnvoll die Entwicklung des Viertels rund um die Leipzigerstrasse und das Archiv genauer zu untersuchen.
Viele Jahre war die Leipzigerstr. ein „Schmuddelfleck“ der Stadt. Sie fungierte bis 2008 als alleiniger Autobahnzubringer Richtung Michendorf mit hohem Verkehrsaufkommen und wurde von dem brach liegendem Areal des ehemaligen Schlachthofes und der Speicherstadt Richtung Havel gesäumt. Kam mensch über die Leipzigerstr. nach Potsdam hinein, bot sich ihm ein Anblick, der ansonsten nur noch selten in Preußens Disneyland der Reichen und Schönen zu treffen ist, der von maroden Fassaden und Leerstand. Bisher fügte sich das Archiv ohne aufzufallen in den Gesamteindruck der Strasse und schien über die letzten 15 Jahre auch niemanden ernsthaft zu stören, zumindest optisch.
Vor zwei Jahren im November 2007 einigte sich die Stadt mit den EigentümerInnen der Speicherstadt auf eine „Städtebauliche Rahmenvereinbarung zur Entwicklung der dortigen Grundstücke“. Auf der Internetseite der Stadtverwaltung heisst es dazu „Die Vertragspartner PRO POTSDAM GmbH, Speicherstadt Potsdam GmbH und Prinz von Preußen Grundbesitz AG wollen damit die lange brachliegenden Flächen an der Havel zügig reaktivieren und für die weitere Entwicklung der Stadt nutzbar machen.“ Im Klartext heißt das, rund 90.000 qm sollen neu bebaut werden, 100 neue Eigentumswohnungen und 10 Büroeinheiten sollen entstehen. Ausserdem sind ein Hotel, ein Kongresszentrum, Restaurants und eine Tiefgarage geplant. Aussehen könnte das Ganze dann folgerndermaßen:

Passt da noch ein besetztes Haus mit einem links alternativen Publikum, Punkrockkonzerten und anderen subkulturellen Veranstaltungen ins Bild? Lassen sich Selbstverwaltung und nicht kommerzielles Wirtschaften mit neoliberaler Verwertungslogik vereinen? Wohl kaum, ginge es nach Großinvestoren, wie der Prinz von Preußen Grundbesitz AG. Hat Herr Teuteberg von der FDP ausgesprochen, was sich vielleicht alle Beteiligten vom Projekt „Speicherstadt“ im stillen denken? Fürchten die Investoren um das Ansehen ihres Projektes? Fürchten sie, dass zahlungskräftige Wohnungskäufer sich durch die direkte Nachbarschaft gestört fühlen könnten? Bleibt auch zu fragen, welche Interesse sich in den Verhandlungen um den Fortbestand und den Verbleib des Archiv durchsetzen werden? Ob der Beschluß der Stadt vom Oktober zur Erhaltung des Hauses bestand haben wird? und letzlich ob die BewohnrInnen und MacherInnen des Archivs es schaffen werden sich aktiv gegen diese Tendenzen von einer Verdrängung aus der Leipzigerstraße stellen und behaupten können?





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