Baulücke statt Rekonstruktion!

„Der Staat Preußen, der seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist, hat in Wirklichkeit zu bestehen aufgehört. Geleitet von dem Interesse an der Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit der Völker und erfüllt von dem Wunsche, die weitere Wiederherstellung des politischen Lebens in Deutschland auf demokratischer Grundlage zu sichern, erlässt der Kontrollrat das folgende Gesetz: Artikel 1 Der Staat Preußen, seine Zentralregierung und alle nachgeordneten Behörden werden hiermit aufgelöst.“

– Alliierter Kontrollrat am 25. Februar 1947

Es ist und bleibt rätselhaft, welche Intention dahinter steckt, wenn eine SPD geführte Stadtregierung, wann und wo es geht, einen Staat (und seine Symbole), der von den Alliierten als Ursprung und Ursache des Nationalsozialismus erkannt und deswegen aufgelöst worden ist, hochleben lässt. Das bedeutet nicht, dass die aktuelle „Rathaus-Koalition“ in einer politischen Tradition mit Preußen oder dem Nationalsozialismus stünde. Es ist aber schlichtweg nicht nachvollziehbar, warum sich in Potsdam so akribisch darum bemüht wird, historisch belastete Gebäude, wie die Garnisonkirche, wieder aufzubauen und Ereignisse, wie den „Tag von Potsdam“ umzudeuten, wenn es politisch kein Interesse gibt, im preußischen Schatten zu stehen. Denn Demokratie wird angeblich heutzutage in dieser Stadt ganz groß geschrieben. Vielleicht reagieren deshalb die politischen und ökonomischen „Eliten“ auch regelmäßig sehr bissig, wenn ihre Lieblingsprojekte (Garnisonkirche und Stadtschloss) als das bezeichnet werden, was sie sind: Zeichen des preußischen Militarismus und einer Kriegsmonarchie.

Hätte es den Nationalsozialismus nicht gegeben, wäre niemand darauf gekommen, Schlösser und Kirchen zu sprengen. Weil diese aber schwerst beschädigt waren und zusätzlich als Zeichen Preußens galten, hielt es die DDR-Regierung für nötig, dies zu tun. Auch das ist Geschichte. Sie einzuordnen und mit ihr umzugehen ist eine Fähigkeit, die den Potsdamer PolitikerInnen vollkommen abgeht. Stattdessen muss nach Orwellscher Manier Geschichte umgeschrieben werden. Stattdessen wird „Original getreu“ (in Beton!) rekonstruiert, was einmal war und werden Lücken und Zeichen der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte getilgt, als gäbe es kein heute und kein dazwischen.
Es passt einfach nicht zum neuen, deutschen Selbstbewusstsein ständig mit der Geschichte konfrontiert zu werden. Und deswegen wird unter dem vermeintlich Ideologie freien Deckmantel der Stadtrekonstruktion hartnäckig daran gearbeitet, einen Zustand herzustellen, der nahezu identisch ist mit dem vor dem zweiten Weltkrieg. So als hätte es die Nazis nie gegeben. Das sehen wir kritisch. Von einem dezidiert antifaschistischen Standpunkt aus, der sich gegen den Nationalsozialismus, gegen Nazis in der Gesellschaft und aktuell gegen neonazistische Bestrebungen richtet, finden wir es daher nicht unsensibel, sondern notwendig den sogenannten Demokratiespaziergang am 20.03.2013 kritisch mit einer Kunstaktion zu begleiten.

Und wir müssen fragen: Wer missbraucht die Opfer des Nationalsozialismus, wenn auf dem Weg des „Tages von Potsdam“, an der Synagoge vorbei zum Standort der zerstörten Garnisonkirche gegangen wird? Wer benutzt das Gedenken an die Millionen getöteten JüdInnen und Juden, um zum Schluss die Botschaft zu senden, dass die Demokratie nun reif und bereit sei mit militaristischen Symbolen, die die Nazis benutzt haben, um genau den Weg nach Auschwitz zu ebnen, einen Ort des Gedenkens und der Diskussion zu schaffen?

Es ist und bleibt ein Antagonismus, ein unüberbrückbarer Widerspruch, wenn man auf der einen Seite Demokratie deklariert und auf der anderen Seite ausgerechnet die Garnisonkirche zu einem Ort der Erinnerungskultur und des Gedenkens machen will. Geschichtlich gibt es einen Zusammenhang zwischen Garnisonkirche und Auschwitz.
Ein Demokratiespaziergang mit Gedenkminute an der Synagoge und dem Abhalten einer Abschlusskundgebung am Standort der Garnisonkirche durch fast ausschließlich Befürworter des Wiederaufbaus, soll ein Signal aussenden: „Wir dürfen das, denn wir sind die besseren Deutschen.“
Mit einem klaren Blick auf die Geschichte hat das nichts zu tun, denn die Opfer werden benutzt um den Wiederaufbau eines Symboles ihrer eigenen Tötung zu legitimieren. Wer das nicht versteht, sollte sich schämen eine Kunstaktion als antisemitisch zu diffamieren. Vielmehr sollte sich Jan Jakobs dafür entschuldigen, das er linke, antifaschistische Aktivisten zum wiederholten Mal auf eine Ebene mit Nazis gestellt hat.

la datscha





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